Die Wespen

Blicke ich von meinem Schreibtisch hoch, sehe ich vor dem Fenster unseren alten Tisch auf dem Balkon stehen. Er ist aus Holz, klein und wackelig. Eigentlich unpraktisch, aber das ist kein Grund für mich, ihn wegzugeben. Seit dem Frühjahr kommen die Wespen und holen ihn sich stückweise als Baumaterial für ihr Zuhause. Dann sitze ich hier und höre zu, wie sie mit ihren fleißigen Beißwerkzeugen unermüdlich an seiner Oberfläche schaben. Vor meinem geistigen Auge entsteht ein Bild, wie sich in den Mäulern dieser Arbeiterinnen unser Tisch verwandelt, um zur Heimstatt eines ganzen Staates zu werden. Und ich begreife, dass das Werden und Vergehen nur ein Wandel der äußeren Form ist. Wie groß ist die Weisheit dieser kleinen Wesen, dass sie in ihrem Dasein lehren, was Philosophen in tausend Worten nicht zu erklären vermögen.

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