Entlarvt

Manchmal kommt es vor, dass einem alle nötigen Informationen vorliegen, aber man sich dennoch eines bestimmten Zusammenhangs nicht bewusst ist. So erging es mir mit dem Wort entlarven, nie hatte ich mir Gedanken gemacht über dessen Etymologie. Die Larve als Maske, vornehmlich zum Fasching getragen, war mir wohl bekannt, doch setzte ich sie nie in Bezug zum De-maskieren, zum wörtlichen Ent-larven.

Nun fallen seit einiger Zeit die Masken und ich bin umgeben von entlarvten Menschen. Masken, die uns und unser Gegenüber schützen sollten, finden sich achtlos in Rinnsteinen, auf Bahnsteigen und sogar in Wald und Feld wieder. Je mehr diese Freiheit des Entlarvens nutzen, um so unvorsichtiger wird man selbst. Und man entdeckt erst langsam wieder, was man in den letzten Jahren vermissen musste: menschliche Gesichter.

Aber auch jene Masken, die getragen wurden, um das wahre Gesicht zu verbergen, sind nun endgültig gefallen. Ja, klar, man hätte es wissen können. Doch lange Zeit ging es uns so wie dem kleinen Elias Canetti, der die Purimmasken der Erwachsenen so sehr liebte, dass er gar nicht wissen wollte, wer dahintersteckte. Nun wachen wir Tag für Tag in einem Albtraum auf, in dem der böse Wolf sich seine menschliche Larve vom Kopf reißt und uns mit fletschenden Zähnen ins Gesicht lacht.

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