
Die Kreuzstickerei ist seit vielen Jahrhunderten eine der beliebtesten Stickarten. Senkrecht, waagrecht und treppenartig-schräg, so laufen die Kreuzchen über das schöne Leinen. Sie wachsen gleichsam aus diesem in seiner Struktur so „sprechenden“ Grundstoff heraus uns stehen in engster Verbindung mit ihm. Diese starke organische Bindung, welche die Kreuzstickerei an ihren leinenbindigen Grundstoff hat, und ihr klarer, gradliniger Aufbau lassen Ursprung und Ausdruck zusammenklingen und bestimmen so ihre Wesen und ihre Schönheit.
Ruth Zechlin, Handarbeits-Fibel für Familie und Schule, Ravensburg 1964
Wie hat man sich als Kind gemüht, die Vorlagen Zeichen für Zeichen einer Geheimschrift gleich zu entziffern und mit möglichst gleichmäßigen Stichen auf dem Stoff wieder erstehen zu lassen. Im Zählen der Fäden und Kreuzchen hat man den Überblick und sich verloren und war erleichtert, wenn man am Ende an der richtigen Stelle wieder herausfand. Eine Erfahrung fürs Leben möchte ich es nennen, zuerst vom Ganzen kommend sich im Detail verlierend, nur noch zusammenhangslos den einzelnen Stich sehend und erst am Ende erstaunt feststellend, dass alle zusammengenommen doch Sinn ergeben.
So wie in diesem Wyschywanka-Muster, das in seiner Verbindung von Schwarz und Rot das Leben als Ganzes spiegelt. Schwarz wie die Trauer, die Trennung und der Tod, Rot wie die Freude, der Zusammenhalt unter den Menschen, ja, Rot wie die Liebe – man bekommt sie nicht getrennt voneinander.