Altersweise

Seit beinahe 180 Jahren steht der Baum an seinem Platz, Tag für Tag den Zeitläuften trotzend. Einstmals in adliger Umgebung nach Maßgaben des Englischen Landschaftsgartens gepflanzt, mag er als Jüngling von glänzender Zukunft geträumt haben. Doch die Zeiten herrschaftlicher Machtentfaltung gingen vorüber und statt sittsam schreitender Damen umlagern ihn jetzt kreischend krakeelende Kinder. Seine Würde hat er sich dabei bewahrt und vermehrt sie täglich allein durch das Ausharren im Sturm, ein Mahnmal für den kurzlebigen Menschen, der sich bei seinem Anblick sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft ausgesetzt sieht.

Denn wer kann schon ermessen, wie viele historische Veränderungen sich während seines Lebens abspielten und noch abspielen werden? Für uns wirken sie mächtig, doch aus seiner Sicht sind sie nur ein kurzes Zwischenspiel. Kriege werden geführt, Staaten von der Landkarte gestrichen, andere hinzugefügt, Leid wird Menschen von Menschen angetan – angesichts solcher Schrecken wünscht man sich ein wenig von der Ruhe, die dieser Alte auszustrahlen vermag.

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