Farbsehen

Als Kind verzweifelte ich oft an den Farben meines Malkastens, weil ich nicht in der Lage war, die Töne so zu mischen, wie ich sie mir vor meinem inneren Auge wünschte. Es dauerte lange, lange Jahre bis ich die Vorzüge von Aquarellfarben zu schätzen lernte. Flüchtig und nass hingeworfene Farben vermischen sich, als ob sie einen eigenen Willen entwickelten, zu den herrlichsten Gebilden. Heute freue … Farbsehen weiterlesen

Stickmuster

Die Kreuzstickerei ist seit vielen Jahrhunderten eine der beliebtesten Stickarten. Senkrecht, waagrecht und treppenartig-schräg, so laufen die Kreuzchen über das schöne Leinen. Sie wachsen gleichsam aus diesem in seiner Struktur so „sprechenden“ Grundstoff heraus uns stehen in engster Verbindung mit ihm. Diese starke organische Bindung, welche die Kreuzstickerei an ihren leinenbindigen Grundstoff hat, und ihr klarer, gradliniger Aufbau lassen Ursprung und Ausdruck zusammenklingen und bestimmen … Stickmuster weiterlesen

Schöner sehen

Beim Aufräumen auf ein altes Kaleidoskop gestoßen, versinke ich nun im Anblick sich wandelnder Muster, die mich die Welt ringsum vergessen machen. Mein menschliches Gehirn, in Jahrtausenden darauf spezialisiert, die sichtbare Welt anhand wiederkehrender optischer Reize zu kategorisieren, sucht darin Blumen oder Kristalle zu erkennen, doch will es nicht gelingen. Abgelöst von der Materie schaue ich nur noch das Eidos, reine Form, gleichsam ein Blick … Schöner sehen weiterlesen

Dona nobis pacem

Vor sechzig Jahren, am 30. Mai 1962, wurde in der Kathedrale von Coventry Benjamin Brittens War Requiem uraufgeführt. Im Neubau jener Kathedrale, die 1940 bei einem Bombenangriff der deutschen Luftwaffe fast vollständig zerstört worden war. Als man in den 50er Jahren daran ging, ein neues Gotteshaus zu errichten, wurden die Überreste der alten Kirche in den Entwurf integriert. Altes und Neues stehen seither untrennbar nebeneinander, … Dona nobis pacem weiterlesen

Kreativität

Seitdem die Pandemie die Welt erfasst hat, gleichen sich all die Kindergarten- und Grundschulfenster mehr als je zuvor. Kein Kind, das in den letzten zwei Jahren nicht dazu verdonnert wurde, seine Hoffnung sich und den anderen in Form gemalter Durchhalteversprechungen („Alles wird gut“) zu bestätigen. Mittlerweile ergänzt oder abgelöst von blau-gelben Solidaritätsbekundungen, bleibt sich die dahinter stehende Haltung gleich. Den Kindern wird nicht zugestanden, sich … Kreativität weiterlesen

Asche

Die Überreste eines Feuers zeugen von Kultur. Der Mensch gilt als das einzige Tier, das es geschafft hat, das Feuer zu bändigen und sich zunutze zu machen. Feuer verspricht Wärme, Schutz und Nahrung, angefangen bei den ersten Homininen, die sich um ein Lager versammelt haben, über die vielfältige Kultivierung des heimischen Herdes mit all den Spielarten der Kulinarik bis zur mit Hingabe zelebrierten Grillsaison, die … Asche weiterlesen

Clean & Clever

Hundekot auf Gehwegen und in Grünanlagen ist nicht nur eklig, sondern kann auch zu Infektionen führen. Daher freue ich mich über die zahlreichen Tütenspender, die meinen Spazierweg säumen. Meine Freude wäre noch größer, sähen sich die Hundebesitzer auch in der Lage, dieses kostenlose Angebot anzunehmen. Solche Tütenspender wünschte ich mir in letzter Zeit auch in anderen Situationen. Was man nicht alles darin wegpacken könnte, um … Clean & Clever weiterlesen

Blowin‘ in the Wind

Oft schaue ich in diesen Tagen in den Himmel. Und was sehe ich? Wolken, die sich manchmal bedrohlich dunkel auftürmen, manchmal einfach fröhlich vorüberziehen wie eine Herde grasender Schäfchen. Unbeeindruckt von den menschlichen Verwerfungen hier unten. Ich sehe, wie einst Noah, die Taube über den Himmel segeln, die noch keinen Platz zum Schlafen gefunden hat. Und würde ich in einer anderen Stadt leben, nur wenig … Blowin‘ in the Wind weiterlesen

Entlarvt

Manchmal kommt es vor, dass einem alle nötigen Informationen vorliegen, aber man sich dennoch eines bestimmten Zusammenhangs nicht bewusst ist. So erging es mir mit dem Wort entlarven, nie hatte ich mir Gedanken gemacht über dessen Etymologie. Die Larve als Maske, vornehmlich zum Fasching getragen, war mir wohl bekannt, doch setzte ich sie nie in Bezug zum De-maskieren, zum wörtlichen Ent-larven. Nun fallen seit einiger … Entlarvt weiterlesen

Klatschmohn

Die romantische Vorstellung von wogenden Weizenfeldern, goldgelber Weite unter blauem Himmel, in denen rote und blaue Tupfer von Klatschmohn und Kornblume lustig tänzeln, ist trügerisch und veraltet. Längst schon überholt von industrieller Effizienz und herbizidgestützter Reinheit, wie sie in den Agrarfabriken herrschen. Vielleicht trauern wir unserem naiven Bild von einer intakten Umwelt hinterher, doch jetzt könnten wir uns sogar über diese moderne Art der Feldwirtschaft … Klatschmohn weiterlesen

Graffiti

Freiheit ist bunt! In modernen Großstädten nehmen freie Menschen die Gestaltung ihrer Lebensumwelt selbst in die Hand. Frei zugängliche, öffentliche Flächen werden zu Projektionsflächen eigenen Denkens. Manchmal sind es Traumbilder, die da ihren Ausdruck finden, manchmal sind es politische Botschaften. Manchmal ist eine ganze Fläche durchkomponiert, manchmal überschneiden sich verschiedene Schriftzüge und bilden im Durch- und Übereinander eine ganz eigene Ästhetik. Wie auf diesem Brückengeländer, … Graffiti weiterlesen

Fauler Apfel

Wer keinen Apfelbaum sein Eigen nennt, kommt kaum in die Verlegenheit, Äpfel über Winter einlagern zu müssen. Verwöhnte Wohlstandskinder, die wir sind, kaufen wir unser Obst täglich frisch im Supermarkt und fragen nicht, woher es kommt. Doch unsere Ignoranz ist uns jetzt in Form eines faulen Apfels unvermittelt vor die Füße gefallen. Da liegt er nun und wir fragen uns verwundert, wie das passieren konnte. … Fauler Apfel weiterlesen