Eichhörnchen

Ein roter Pfeil, der den Walnussstamm auf und ab läuft, geheime Botschaften zwischen Krone und Wurzelwerk vermittelnd? Doch bist du kein Ratatösk, jagst im Frühjahr den Weibchen, im Herbst den Nüssen hinterher. Als lustiger Geselle läufst du der Schwerkraft kopfüber davon, leicht und nahezu schwerelos, von Ast zu Ast springend. Ein tiefer Ernst verbirgt sich hinter dieser Leichtigkeit, wenn auch kein Plan. So werden fröhlich … Eichhörnchen weiterlesen

Kieselstein

Als flaches Oval liegst du in meiner Hand, rundgeschliffen in jahrtausendlanger Arbeit des Wassers. Granitgrau, durchzogen von weißen Adern, zartes Craquelé bildend. Einzigartig wie jeder andere dieser abertausend Steine im Bachbett – in ihrem Aussehen unterscheiden sich Kieselsteine noch mehr als Menschen untereinander. Wer weiß, warum ich mich für dich entschieden habe. Nun trage ich dich in meiner Tasche, damit du mir Kraft gibst und … Kieselstein weiterlesen

Welle

Ein sanftes Anbranden am Strand, das Klackern der Kiesel, sobald sich das Wasser wieder zurückzieht – im steten Wechsel von Ein und Aus, von Kommen und Gehen, von Werden und Vergehen entsteht der Eindruck eines lebendigen Wesens. Wie der Atem die Meditation lenkt, gibst du meinen Gedanken den Takt vor. Derselbe Wind, der dich ans Ufer treibt, trägt meine Träume hinaus in die Unendlichkeit. Welle weiterlesen

Schneebesen

Mein Küchenbestand enthält einen Schneebesen. Sieben metallene Bögen in aufsteigender Größe übereinandergeschachtelt, zusammengehalten in einem matt glänzenden Griff, mit dem Zweck, möglichst viel Luft unter die zu bearbeitende Masse zu heben. Weiß man ihn richtig zu benutzen, immer schön aus dem Handgelenk rührend, verleiht er magische Kraft. Denn wie, wenn nicht durch Zauberei, ist es zu erklären, dass durch das bloße Hinzufügen von Luft aus … Schneebesen weiterlesen

Das Kälbchen

Im Regal neben meinem Schreibtisch steht eine kleine Holzfigur, mit Flecken aus dunkelbrauner Farbe, die Augen schwarze Punkte. Ein Erinnerungsstück aus der Kindheit. Es muss einmal sehr geliebt worden sein, denn an den Kanten ist die Farbe schon abgerieben, der Kordel-Schwanz löst sich auf und die Ohren fehlen ganz (in der Erinnerung waren sie aus Leder). Was für ein Leben so ein kleines Ding führt. … Das Kälbchen weiterlesen

Mohnblume

Zart wogst du im Wind, leuchtendes Rot auf grünen Wellen schwimmend. Dein schwarzes Auge in den Himmel gerichtet, siehst du dort Dinge, die uns entgehen. So leuchtend und kräftig das mahnende Rot, so zart und zerbrechlich deine hauchdünnen Blütenblätter. Doch gerade weil du dich dem Wind nicht entgegenstellst, dich nicht hart machst, sondern mitschwingst, dich tragen lässt, bietest du keine Angriffsfläche. Hin- und hergeworfen in … Mohnblume weiterlesen

Der Wasserkrug

Auf der Fensterbank steht ein Krug aus weißem Emaille, wie übrig geblieben von einem alten Waschgeschirr dient er mir zum Blumengießen. Besucher weiß ich mit Geschichten darüber zu unterhalten, wie arme Dienstmägde im kalten Dachgeschoss morgens das Eis vom Wasser klopften, bevor sie sich wuschen. Doch die dazu passende Schüssel hat es nie gegeben, die Geschichten meinen Geist entsprungen. Noch niemandem habe ich verraten, aus … Der Wasserkrug weiterlesen

Elstern

Wenn wir auf dem Balkon sitzen, nehmen wir Anteil am Leben unserer Untermieter, die auf dem Wipfel der Fichte geschäftig ihr Nest errichtet haben. Laut keckernd flattert das Männchen schwarz-weiß von Ast zu Ast und beginnt Streit mit den unbeteiligten Tauben, während das Weibchen seit Tagen nicht mehr zum Vorschein gekommen ist. Wir fühlen mit euch und freuen uns auf euren Nachwuchs, für den wir … Elstern weiterlesen

Das Weihrauchgefäß

Auf der Kommode steht ein kleines Weihrauchgefäß, Messing mit durchbrochenem Blumenmuster auf dem Deckel. Nichts Besonderes, in Wallfahrtsorten an jedem Devotionalienstand erhältlich. Ich sehe es gerne, wie dünne Fäden Rauchs durch die kleinen Öffnungen brechen, schlängelnd tanzend den Weg nach oben suchen, sich verlierend auflösen. Dieser Begleitung gibt man seine Gebete gern anheim, während sich dabei der Raum satt mit harzigen Duftnoten füllt. Einem Abschiedsgeschenk … Das Weihrauchgefäß weiterlesen

Matrjoschka

Neben der Nana steht eine Matrjoschka-Puppe, ein Set von dreien, mehr oder weniger als Gegenpol zu ihr. Denn sind sie sich in Rundungen und Farbenfreude auch ähnlich, so haben die Matrjoschkas im Gegensatz zur Nana nichts Leichtes, Schwebendes. Die Schwere des russischen Bodens lässt sie nicht los. Mit ihrem dümmlichen Lippenstiftlächeln, überlangen Wimpern und farbenfroher Tracht wollen sie uns Schönheit vorgaukeln und ihre Hohlheit überspielen. … Matrjoschka weiterlesen

UHU

Es liegt immer eine Tube UHU in meiner Schreibtischschublade, obwohl ich selten etwas zu kleben habe. Und wenn ich ausnahmsweise doch etwas kleben will, ist er eingetrocknet oder ausgelaufen. Der Zwang, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, führt nicht immer zum Erfolg. UHU weiterlesen

Nana

Auf dem Fenstersims im Treppenaufgang steht eine Nana-Figur, ein altes Kunstprojekt meiner Tochter, aus Luftballons, Kleister, viel Zeitungspapier und kräftigen Farben entstanden. Wie eine Primaballerina steht sie da auf einem Bein, das zweite genauso wie die Arme elegant von sich gestreckt. Zusammengehalten von einem kugelförmigen Körper mit weit hervorstehenden Brüsten. Im Moment der Bewegung eingefangen, steht sie als personifizierter Sieg des leichtfüßigen Schwebens über die … Nana weiterlesen