Berg

Sinnbildlich als Fels in der Brandung oder als Gipfel, den es zu erklimmen gilt, gibst du uns ein Zeichen der Stärke, der Größe, der Solidität. Aufgerichtet vor uns, versperrst du uns den Blick in die Weite, stellst uns in den Schatten. Nur wer wagt, es mit dir aufzunehmen, wer keine Angst vor steinigen Wegen und tiefen Abgründen hat, wird die Nähe des Himmels auf deinem … Berg weiterlesen

Ochs und Esel

Aus dem Regal blicken geduldig und stumm Ochs und Esel auf mich herab. Einst aus rotem Ton für eine Krippe gefertigt, getrocknet, nicht gebrannt, stehen sie hier ihrer Aufgaben entledigt. Erste gestalterische Versuche, die es nicht in das Krippenensemble geschafft haben. Ein wenig unförmig liegt die muskulöse Körpermasse des Ochsen neben den zarten Beinen des Esels, die sich uneindeutig aus dem tönernen Urgrund abheben. Beide … Ochs und Esel weiterlesen

Zugvögel

Über mir zieht ein großes Vogelvau über den Himmel, eingeschrieben in das gedämpfte Grau des Oktoberhimmels. Unter lautem Geschnatter löst es sich auf, wird im Wind hin und her geworfen, formiert sich flügelschlagend neu, während wir Erdgebundenen mit dem Kopf im Nacken hinterherträumen. Doch noch bevor sich der Wunsch, es den Gänsen gleichzutun, im Bewusstsein Gestalt annimmt, bricht Wehmut und Mitleid über mich herein. Welch … Zugvögel weiterlesen

Atommodell

Im Wohnzimmer schwebt das Bohrsche Atommodell als filigranes Mobile über unseren Köpfen. Sonnengleich der Atomkern, eine goldene Holzkugel, darum sich im sanften Lufthauch Edelstahlringe als Elektronbahnen drehen. In festen Abständen ziehen die Kügelchen ihre Kreise, zwischen sich viel leeren Raum aufspannend. Ein leichtes Schaudern überkommt mich, wenn ich mir vorstelle, aus wieviel Nichts die Materie bestünde. Wie Sand der durch Finger rinnt, entzieht sich mir … Atommodell weiterlesen

Regen

Unterm Dach sitzend dem Regen lauschen, der in mäanderndem Rhythmus auf die Schindeln tropft, hat mitunter etwas Meditatives an sich. Trocken und warm lässt es sich aufs Vorzüglichste darüber nachsinnen, wie wertvoll das Nass für Pflanzen- und Tierwelt da draußen sein mag. Man freut sich über die eigene Einsichtigkeit und fühlt sich den ewigen Über-das-Wetter-Meckerern überlegen. Bis man das nächste Mal im Freien vom Regen … Regen weiterlesen

Knetmasse

Ein Relikt aus der Grundschulzeit meiner Tochter, in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett fristet die Knetmasse ein trauriges Dasein in den Tiefen des Schranks. Obwohl sie hauptsächlich aus Stärke, Wasser und Öl besteht, haftet ihr ein eigentümlicher Geruch an, metallisch, chemisch, ölig. Nimmt man sie in die Hand, ist sie – lange nicht benutzt – zunächst noch hart und wehrt sich der Gestaltung, doch … Knetmasse weiterlesen

Wolke

Mein Wirklichkeitssinn kennt dich als Ansammlung von Wassertröpfchen in der Atmosphäre, doch wenn du in wechselhaften Formen strahlend weiß über einen blauen Himmel ziehst, weckst du meinen Möglichkeitssinn, der dir die herrlichsten Geschichten hinterherfantasiert. Bist nicht nur Halt für meine Gedanken, sondern auch für meine Augen, die sich daran ergötzen, wie sich das Sonnenlicht im Laufe des Tages auf vielfältige Weise an dir reflektiert, vom … Wolke weiterlesen

Eichhörnchen

Ein roter Pfeil, der den Walnussstamm auf und ab läuft, geheime Botschaften zwischen Krone und Wurzelwerk vermittelnd? Doch bist du kein Ratatösk, jagst im Frühjahr den Weibchen, im Herbst den Nüssen hinterher. Als lustiger Geselle läufst du der Schwerkraft kopfüber davon, leicht und nahezu schwerelos, von Ast zu Ast springend. Ein tiefer Ernst verbirgt sich hinter dieser Leichtigkeit, wenn auch kein Plan. So werden fröhlich … Eichhörnchen weiterlesen

Kieselstein

Als flaches Oval liegst du in meiner Hand, rundgeschliffen in jahrtausendlanger Arbeit des Wassers. Granitgrau, durchzogen von weißen Adern, zartes Craquelé bildend. Einzigartig wie jeder andere dieser abertausend Steine im Bachbett – in ihrem Aussehen unterscheiden sich Kieselsteine noch mehr als Menschen untereinander. Wer weiß, warum ich mich für dich entschieden habe. Nun trage ich dich in meiner Tasche, damit du mir Kraft gibst und … Kieselstein weiterlesen

Welle

Ein sanftes Anbranden am Strand, das Klackern der Kiesel, sobald sich das Wasser wieder zurückzieht – im steten Wechsel von Ein und Aus, von Kommen und Gehen, von Werden und Vergehen entsteht der Eindruck eines lebendigen Wesens. Wie der Atem die Meditation lenkt, gibst du meinen Gedanken den Takt vor. Derselbe Wind, der dich ans Ufer treibt, trägt meine Träume hinaus in die Unendlichkeit. Welle weiterlesen

Schneebesen

Mein Küchenbestand enthält einen Schneebesen. Sieben metallene Bögen in aufsteigender Größe übereinandergeschachtelt, zusammengehalten in einem matt glänzenden Griff, mit dem Zweck, möglichst viel Luft unter die zu bearbeitende Masse zu heben. Weiß man ihn richtig zu benutzen, immer schön aus dem Handgelenk rührend, verleiht er magische Kraft. Denn wie, wenn nicht durch Zauberei, ist es zu erklären, dass durch das bloße Hinzufügen von Luft aus … Schneebesen weiterlesen

Das Kälbchen

Im Regal neben meinem Schreibtisch steht eine kleine Holzfigur, mit Flecken aus dunkelbrauner Farbe, die Augen schwarze Punkte. Ein Erinnerungsstück aus der Kindheit. Es muss einmal sehr geliebt worden sein, denn an den Kanten ist die Farbe schon abgerieben, der Kordel-Schwanz löst sich auf und die Ohren fehlen ganz (in der Erinnerung waren sie aus Leder). Was für ein Leben so ein kleines Ding führt. … Das Kälbchen weiterlesen