Der erste Schnee
Gestern war es schneidend kalt, mit harter Hand hatte der Winter Eisblumen an unsere Dachfenster gezeichnet, die den ganzen Tag nicht verblühen wollten. Die grausame Fratze des jugendlich stürmischen Winters hat angeklopft. Doch diese Nacht ist er abgelöst worden. Sein alter Onkel ist in die Stadt gekommen und hat uns einen wärmenden Mantel über die verfrorenen Glieder gelegt. Alles wirkt friedlicher, weicher, wie in Watte … Der erste Schnee weiterlesen
Adventskranz
Es ist Advent. Und wie jedes Jahr im Advent bringen wir Licht in unsere Wohnung, den vier Sonntagen vor Weihnachten eine herausragende Stellung zuweisend durch je eine eigene Kerze. Ein einfacher Kranz, gewunden aus Tannengrün, Koniferen- und Zypressenzweigen, vier Bienenwachskerzen, mehr braucht es nicht. Kein glitzernder Schmuck könnte mehr ausdrücken als diese einfache Zusammenstellung. Ohne Anfang, ohne Ende aus dreifacher Einheit gewoben der Kranz, Licht … Adventskranz weiterlesen
Musterbeutelklammer
Du bist eines der großen Rätsel der Menschheit. Man hat dich in einem vergessenen Winkel der Schreibtischschublade liegen, ohne dich jemals zu benutzen – außer vielleicht die Schwiegermutter (aber Schwiegermütter scheinen generell als Gegenbeispiele für alles Mögliche geschaffen zu sein). Als Ganzes ausgestanzt aus einem Stück dünnen Metallblechs glänzt du raffiniert gebogen zu einem runden Kopf, der in zwei verschieden lange Arme ausläuft. Ein wenig … Musterbeutelklammer weiterlesen
Walnussbaum
Mein Blick aus dem Fenster fällt auf den großen stattlichen Walnussbaum im Nachbarsgarten. Tag um Tag, Jahr für Jahr ziehen meine Gedanken an ihm vorbei in den Himmel, während er stumm und unbeteiligt seine Wurzeln tiefer in die Erde gräbt. Von den ersten zartgrünen Spitzen im Frühjahr über das volle schattenspendende Blattwerk im Sommer bis zu den gelb-braunen Farbspielen im Herbst gibt er meinen Augen … Walnussbaum weiterlesen
Nebel
Wenn sich im November Nebel düster durch die Straßen drückt, von Ecke zu Ecke wallt und alles verschluckt, bringt er das graue Gefühl mit. Den Blick aus dem Fenster erreicht lediglich der Baum, der im Garten verzweifelt seine nackten Arme in den Himmel streckt, was dahinter liegt, verliert sich schemenhaft im allesverschlingenden Grau. Man zieht sich zurück, darauf hoffend in den eigenen vier Wänden davor … Nebel weiterlesen
Berg
Sinnbildlich als Fels in der Brandung oder als Gipfel, den es zu erklimmen gilt, gibst du uns ein Zeichen der Stärke, der Größe, der Solidität. Aufgerichtet vor uns, versperrst du uns den Blick in die Weite, stellst uns in den Schatten. Nur wer wagt, es mit dir aufzunehmen, wer keine Angst vor steinigen Wegen und tiefen Abgründen hat, wird die Nähe des Himmels auf deinem … Berg weiterlesen
Ochs und Esel
Aus dem Regal blicken geduldig und stumm Ochs und Esel auf mich herab. Einst aus rotem Ton für eine Krippe gefertigt, getrocknet, nicht gebrannt, stehen sie hier ihrer Aufgaben entledigt. Erste gestalterische Versuche, die es nicht in das Krippenensemble geschafft haben. Ein wenig unförmig liegt die muskulöse Körpermasse des Ochsen neben den zarten Beinen des Esels, die sich uneindeutig aus dem tönernen Urgrund abheben. Beide … Ochs und Esel weiterlesen
Zugvögel
Über mir zieht ein großes Vogelvau über den Himmel, eingeschrieben in das gedämpfte Grau des Oktoberhimmels. Unter lautem Geschnatter löst es sich auf, wird im Wind hin und her geworfen, formiert sich flügelschlagend neu, während wir Erdgebundenen mit dem Kopf im Nacken hinterherträumen. Doch noch bevor sich der Wunsch, es den Gänsen gleichzutun, im Bewusstsein Gestalt annimmt, bricht Wehmut und Mitleid über mich herein. Welch … Zugvögel weiterlesen
Atommodell
Im Wohnzimmer schwebt das Bohrsche Atommodell als filigranes Mobile über unseren Köpfen. Sonnengleich der Atomkern, eine goldene Holzkugel, darum sich im sanften Lufthauch Edelstahlringe als Elektronbahnen drehen. In festen Abständen ziehen die Kügelchen ihre Kreise, zwischen sich viel leeren Raum aufspannend. Ein leichtes Schaudern überkommt mich, wenn ich mir vorstelle, aus wieviel Nichts die Materie bestünde. Wie Sand der durch Finger rinnt, entzieht sich mir … Atommodell weiterlesen
Regen
Unterm Dach sitzend dem Regen lauschen, der in mäanderndem Rhythmus auf die Schindeln tropft, hat mitunter etwas Meditatives an sich. Trocken und warm lässt es sich aufs Vorzüglichste darüber nachsinnen, wie wertvoll das Nass für Pflanzen- und Tierwelt da draußen sein mag. Man freut sich über die eigene Einsichtigkeit und fühlt sich den ewigen Über-das-Wetter-Meckerern überlegen. Bis man das nächste Mal im Freien vom Regen … Regen weiterlesen
Knetmasse
Ein Relikt aus der Grundschulzeit meiner Tochter, in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett fristet die Knetmasse ein trauriges Dasein in den Tiefen des Schranks. Obwohl sie hauptsächlich aus Stärke, Wasser und Öl besteht, haftet ihr ein eigentümlicher Geruch an, metallisch, chemisch, ölig. Nimmt man sie in die Hand, ist sie – lange nicht benutzt – zunächst noch hart und wehrt sich der Gestaltung, doch … Knetmasse weiterlesen
Wolke
Mein Wirklichkeitssinn kennt dich als Ansammlung von Wassertröpfchen in der Atmosphäre, doch wenn du in wechselhaften Formen strahlend weiß über einen blauen Himmel ziehst, weckst du meinen Möglichkeitssinn, der dir die herrlichsten Geschichten hinterherfantasiert. Bist nicht nur Halt für meine Gedanken, sondern auch für meine Augen, die sich daran ergötzen, wie sich das Sonnenlicht im Laufe des Tages auf vielfältige Weise an dir reflektiert, vom … Wolke weiterlesen