Anzuchttöpfe
Auf der Fensterbank steht eine Reihe von Anzuchttöpfen, geheimnisvollen Zauber in der Erde verbergend. Wenige Tage in häuslicher Wärme genügen, um kleine, zarte Spitzen sprießen zu lassen. Man sieht zunächst nur, wie sich die Erdkrümel leicht anheben, winziger Kegel, ein Vulkan im Miniaturformat. Dann durchbricht eine erste Spitze die Oberfläche, anfangs noch ganz blass streckt sie sich der Sonne entgegen, um sich in ihrem Licht … Anzuchttöpfe weiterlesen
Notizbuch
Vornehm mit geprägtem Ledereinband, festem geripptem Papier mit edlem Schnitt und einer Metallschließe liegt es noch unberührt vor mir. Ich spüre deutlich die Erwartungen, die es an mich stellt. Womit werde ich es füllen? In unregelmäßigen, eilig hingeworfenen Zeichen geniale Eingebungen festhalten? Unzählige Male durchgekaute und in dauernder Überarbeitung geschliffene Sätze in Schönschrift verewigen? Hat mir bisher ein einfacher College-Block genügt, steigt mit diesem Geschenk … Notizbuch weiterlesen
Buntstifte
In meinem Schreibtisch liegt noch eine Packung Buntstifte, bunt in zwölffacher Färbung. Wann nutzt man schon einmal Buntstifte? Die Gelegenheiten sind selten geworden. Wie anders war es in der Kindheit. Täglich bannte man seine Träume auf Papier, Prinzessinnen, Weltraumraketen, Blumenwiesen und Hochseewellen nahmen Gestalt an in festen Buntstiftstrichen. Nie wieder habe ich später meine Striche so entschlossen gesetzt als in der kindlichen Überzeugung, die Welt … Buntstifte weiterlesen
Feder
Im leeren Blau des Himmels mäandert still und sanft eine Feder, hin- und hergetragen von kaum vernehmbarem Lufthauch. Ein zarter Flaum nur, weiß mit grauen Spitzen, landet sie vor meinen Füßen. Welchen Vogel mag sie gewärmt haben? Nun liegt sie verloren auf totem Asphalt ihrer Aufgabe enthoben, dem Ende anheimgegeben. Doch noch im Fallen zauberte sie ein Lächeln auf mein Gesicht, sinkend ein Gefühl von … Feder weiterlesen
Schneeglöckchen
Demütig geneigter Kopf weiß um die Gnade, als erster den Frühling verkünden zu dürfen. Zugleich in Erinnerung an die Farbe des Schnees, dessen sanfte Decke eben noch von den zarten grünen Spitzen durchbrochen wurde. Ein Wesen zwischen den Zeiten, den Winter noch in sich tragend von einer leuchtenden Zukunft kündend. Schneeglöckchen weiterlesen
Das Schneckenhaus
Vor mir liegt ein Schneckenhaus. Nicht Heimat einer dieser Wald-, Wiesen- und Weinbergschnecken, wie man sie überall findet, sondern das Domizil einer riesigen Meeresschnecke, erstanden auf einem Flohmarkt. Ein ideales Objekt für Zeichenübungen. Aber es fehlt mir die Geduld, all diesen an Mandelbrot-Mengen gemahnenden Windungen ein angemessenes Dasein auf Papier zu schenken. Betrachte ich diese Spirale länger, beginnt sich alles zu drehen und zieht mich … Das Schneckenhaus weiterlesen
Futterhäuschen
Auf dem Balkon hängt ein Futterhäuschen, die Aussicht auf die Skyline spiegelnd in Chrom und Glas, Großstadtvögeln angemessen. Nun stehe ich oft am Fenster, um die Meisen zu beobachten, die sich an den zusätzlichen Körnern delektieren. Doch haben die Kleinen ihren eigenen Kopf und wollen sich, auf ihre Freiheit pochend, nicht bei der Mahlzeit ausgestellt wissen, weshalb sie bei der kleinsten Bewegung hinter dem Fenster … Futterhäuschen weiterlesen
Bleistifte
Eine ganze Reihe von Bleistiften liegt auf meinem Schreibtisch, ein knappes Dutzend in verschiedenen Härtegraden von 2H bis 7B im Set erstanden. Dabei nutze ich die harten nie, selbst zum Schreiben bevorzuge ich das satte Weich. So zeigt sich auch hier die große Ungerechtigkeit der Welt: Die Vielgeliebten verbrauchen sich, während die anderen unbeachtet in voller Größe erhalten bleiben. Doch werden nicht auf andere Weise … Bleistifte weiterlesen
Tintenroller
Wie viele Stifte habe ich schon ausprobiert bis ich dich gefunden habe! Im Schreibwarengeschäft mühselig erstandene Exemplare verschiedener Marken und Macharten vergessen und verworfen als ich dich, ein Gelegenheitskauf im Supermarkt, zum ersten Mal über das Papier gleiten ließ. Wahrlich ein Gleiten ist es, da stockt nichts, nichts verkrampft. Du erleichterst mir das Schreiben als wärst du nicht nur Werkzeug, sondern auch Katalysator meiner Gedanken. … Tintenroller weiterlesen
Der Spitzer
Du bist wohl der Gegenstand unter meinen Schreibsachen, der mich schon am längsten begleitet. Hast unzählige Blei- und Buntstifte kleiner werden sehen bis sie zu einem unbrauchbaren Stummel herabgeschrumpft waren. Bist noch ein Spitzer der alten Art, aus Metall, aufs Nötige reduziert. Und auf dich ist Verlass. Deine Klinge auch nach Jahren noch scharf. Man kann nicht sagen, dass du gut in der Hand lägest. … Der Spitzer weiterlesen
Die Schere
Zwei Klingen, die über Kreuz liegen und untrennbar zusammengehören, wäre doch eine ohne die andere nutzlos. Wundert’s da, dass man dich in anderen Sprachen nur in der Mehrzahl kennt? Doch warum sehen wir dann in dir die Einheit statt der Zweiheit? Vielleicht weil es uns auf den einen Punkt ankommt, der diese Einheit herstellt. Die kleine Schraube, die als Dreh- und Angelpunkt, das raffinierte Gegen- … Die Schere weiterlesen
Der Haargummi
Ich sage es dir ganz offen und ehrlich. Du bist ein Gegenstand ständigen Ärgernisses. Meist ist man auf der Suche nach dir und findet dich an den unmöglichsten Stellen. Dann bist du auch noch zu kurz, um dich dreimal um den Haarschopf zu wickeln, zu lang, um in der doppelten Windung die Haare sicher zu halten. In deinem Leben gibt es nur eine ganz kurze … Der Haargummi weiterlesen